Einsatzbericht Hochwasser Frankreich 2003
               
Die Alarmierung für einen der größten Auslandseinsätze in der Geschichte des THW erfolgte für vier Helfer aus dem OV Lemgo am Abend des 04. Dezember 2003.
Auf Anforderung der Fachgruppe WP des befreundeten OV Detmold sollten wir unseren Unimog sowie vier Kraftfahrer einsatzbereit machen. Hierzu gehörten Tobias Klingenberg, Christian Penkert, Thorsten Schnitger sowie Stefan Plaß.
Nach einer kurzen Besprechung fuhren wir nach Detmold, wo wir von OB Thorsten Meier nähere Informationen und Verhaltensregeln erhielten. Die Lage stellte sich wie folgt dar: Nach schweren Unwettern war es in weiten Teilen Frankreichs zu massiven Überflutungen gekommen, so dass auf Anforderung der Regierung das THW eingesetzt werden sollte. Unser Einsatzgebiet lag in der mittelalterlichen Stadt Arles, welche sich am Mittelmeer in der Nähe von Marseille befindet. Es war zunächst eine Einsatzdauer von einer Woche geplant und es sollten mit Hilfe von mehreren WP Gruppen Pumparbeiten geleistet werden. Ein Zugtrupp aus Detmold unter der Leitung von Zfü Timo Mahr war bereits ins Katastrophengebiet aufgebrochen um die Situation zu erkunden. Wir rückten jetzt mit dem GKW 2 inkl. Stromaggregat, dem watfähigen LKW mit Hannibalpumpe und dem Unimog als Transportfahrzeug nach.
Die Fahrt führte uns zunächst auf einen Parkplatz bei Euskirchen wo die verschiedenen Module des THW aus Nordrhein-Westfalen eingeteilt wurden. Es wurden Kolonnen in der Stärke von ca. 20-25 Fahrzeugen gebildet. Am frühen Freitag Morgen machten wir uns dann als Modul Nr. 3 auf den Weg über die Eifel und Luxemburg nach Frankreich. Die weiteren Stationen waren Metz, Nancy, Dijon, Lyon, Avignon und schließlich Arles am Rande der Provence. Die Fahrt unter Sondersignal dauerte insgesamt 36 Stunden die wir im Fahrerwechsel von 4 Stunden absolvierten.
Vor Ort angekommen wurden wir in einem Kongresszentrum ähnlich der deutschen IHK untergebracht, wo wir auf den Zugtrupp trafen. Wir hatten dort Gelegenheit etwas zu schlafen bevor wir abends an die Einsatzstelle fuhren.
In Arles stand zu diesem Zeitpunkt ein Gebiet von 8km mal 20km ca. 1,50m tief unter Wasser und viele Menschen waren noch in ihren Häusern eingeschlossen, weshalb wir es kaum abwarten konnten mit unseren Pumparbeiten zu beginnen.

Nachdem wir das Gebiet erkundet, und uns ein grobes Bild von der Lage gemacht hatten, installierten wir zunächst die Hannibalpumpe sowie mehrere Elektrotauchpumpen vom Typ „Mast“ und „Wilo“. Hierzu war es erforderlich, Stromkabel zu verlegen und den Einsatzabschnitt auszuleuchten. Unser Bereich war über eine kleine Brücke die über einen Kanal führte zu erreichen. Wir pumpten jetzt aus dem überfluteten Bereich in diesen Kanal, welcher direkt in die Rhône mündete. Vor Ort waren noch zahlreiche andere Ortsverbände mit ähnlichem Material im Einsatz. Zu den besonderen Geräten zählte eine sog. „Diapumpe“ mit einer Pumpleistung von 15.000 Litern pro Minute. Nachdem wir alle gemeinsam aufgebaut hatten wurden wir in zwei Gruppen eingeteilt. Jedes Team sollte ab sofort eine Schicht von jeweils 8 Stunden absolvieren. Die ersten Kameraden fuhren also ins Kongresszentrum zurück, während den anderen die erste Nacht bei Minusgraden bevorstand. Tagsüber scharten sich an der Einsatzstelle viele Schaulustige, Verantwortliche der Stadt Arles und Fernsehteams. Hierbei ist zu erwähnen, dass meine Aufgabe unter anderem darin bestand, die Einsatzabschnittsleitung als Dolmetscher zu unterstützen, wodurch ich später in der Lage war sogar ein kurzes Fernsehinterview zu geben. Wir erlebten große Dankbarkeit seitens der Bevölkerung und wurden im Laufe des Einsatzes mit Weinspezialitäten, Kaffee und anderen Dingen versorgt. Der Wein wurde selbstverständlich mit nach Hause genommen.
Viel Spektakuläres geschah jetzt zunächst nicht mehr, bis zu dem Zeitpunkt als eine Anwohnerin aufgeregt zu verstehen gab, dass wohl aus einem Rohr Gas ausströmen würde. Diese Information gab ich an die EAL weiter, woraufhin die Einsatzstelle sofort geräumt wurde. Danach telefonierte ich mit dem zuständigen Gaswerk und forderte Hilfe an. Gemeinsam mit einem Techniker erkundeten wir das Rohr und stellten fest, dass es sich wohl um falschen Alarm gehandelt hatte und keine Gefahr für die Helfer bestand. Anders sah es mit dem Strom aus, der zunächst nicht abgeschaltet wurde. Es bedurfte eine langen Diskussion mit einem zuständigen Ingenieur bis sich etwas tat. Wir waren zeitweise sogar kurz davor den Einsatz abzubrechen, da er nicht einsehen wollte dass von den überfluteten Stromkästen eine massive Gefahr ausging, schließlich mussten einige Helfer immer wieder mit Wathosen ins Wasser um die Pumpen umzusetzen.
Jeden Tag konnten wir sehen wie das Wasser weiter zurückging, so dass wir am Ende der Woche zum ersten mal mit dem Unimog zur Erkundung ins überflutete Gebiet vordringen konnten. Hier bot sich ein überwältigender Anblick. Ganze Straßenzüge standen kilometerlang unter Wasser und sogar unser Fahrzeug mit einer Wattiefe von immerhin 1,20m konnte teilweise nicht weiterfahren. Ohne Boot ging hier gar nichts mehr. Später zogen wir dann die Hannibalpumpe mitten in ein Wohngebiet und verlegten Schlauchlängen von ca. 500m direkt durchs Wasser zurück zum Kanal. Die regelmäßige Betankung der halb versenkten Pumpe war eine der größten Schwierigkeiten, vor allem nachts. Der Pegel ging jedoch immer mehr zurück und es wurden erste Erfolge sichtbar.
Nach einer anstrengenden Woche freuten wir uns natürlich sehr als die Ablösung aus Deutschland eintraf. Bis zum Abmarsch hatten wir etwas Freizeit und einige von uns nutzten die Gelegenheit die Stadt näher zu erkunden. Die Rückfahrt erfolgte in THW Reisebussen und dauerte ca. 25 Stunden. Auf halber Strecke erfuhren wir telefonisch von unseren Kameraden, das der Lemgoer Unimog bei einem Fahrmanöver im Wasser von der Strasse abgekommen war und geborgen werden musste. Gott sei Dank kam hierbei niemand zu Schaden.
Rückblickend kann man sagen, dass der Einsatz positiv verlaufen ist und wir froh sind effektive Hilfe geleistet zu haben. Außerdem konnten die guten Beziehungen zwischen den Ortsverbänden Detmold und Lemgo weiter intensiviert werden.
Wir danken unseren Arbeitgebern, dass sie uns für diese Hilfe am Nächsten freigestellt haben und wünschen jetzt den Bewohnern der Stadt Arles alles Gute beim Wiederaufbau!

Nachtrag:
Sollten Sie Fotomaterial benötigen können Sie dies kostenlos bei mir anforden:

Stefan Plaß
Helfersprecher
E-Mail: stefan.plass@thw-lemgo.de
Tel.: (0170) 490 22 11

 

Zu den Bildern aus Arles
 
Text: Stefan Plaß, Bilder: Markus Kampmann, Tobias Klingenberg und Stefan Plaß
 

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© Technisches Hilfswerk Ortsverband Lemgo